26. April 2016

Müller: Dresdner Sinfoniker setzen Zeichen der Versöhnung

Kulturpolitische Sprecherin der CDU kritisiert türkischen Angriff auf Kunstfreiheit

Seit einigen Tagen schwelt – im Nachgang der "Causa Böhmermann" besonders sensibel zu betrachten – ein Konflikt um das Aghet-Projekt der Dresdner Sinfoniker um Intendant Markus Rindt. Die türkische Regierung hatte nach mehreren Aufführungen in Dresden erneut die ganz große Glocke geläutet und sich bei der EU-Kommission über das Projekt beschwert. Für Christa Müller, die kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, ist das ein Unding:

"Das Aghet-Projekt steht unter dem Stern der Versöhnung. Allein die Tatsache, dass im Orchester türkische und armenische Musiker miteinander spielen, zeigt dies mehr als deutlich. Stein des Anstoßes für die türkische Regierung sind einige Texte, die gelesen oder vom Chor vorgetragen werden - ebenso wie grundsätzlich der Titel ‚Katastrophe‘ (Aghet).

Alsbald soll das Konzert in Istanbul, Belgrad und Jerewan gastieren – doch dies ist anscheinend inakzeptabel für die türkische Regierung. Denn nun möchte die Türkei das Projekt der Dresdner Sinfoniker stoppen. Seit Tagen wurde beständig der Druck auf die EU erhöht; angefangen bei der türkischen Beschwerde bei der EU-Kommission (und die daraufhin tatsächlich erfolgte Löschung des Programmhinweises auf deren Homepage), war der bisherige Höhepunkt die Forderung aus Ankara, die EU solle die Förderung des internationalen Projektes einstellen.

Diese Interventionen zeigen, wie bedeutend gerade das Gastspiel in Istanbul für die gemeinsame Vergangenheitsbewältigung ist. Nicht zuletzt wir Deutschen wissen, wie elementar wichtig eine solche Form der Aufarbeitung ist. Kunst- und Meinungsfreiheit zählen zu den höchsten Gütern und Säulen der Demokratie sowie der Europäischen Union – sie sind keine Verhandlungsmasse.
Wer Mitglied der Europäischen Union werden will, muss diesen Werten entsprechend handeln, anstatt uns immer neuen Anlass zu bieten, die Beitrittsbestrebungen stark zu hinterfragen. Die EU-Kommission darf ihre Entscheidung zur Förderung nicht in Frage stellen und muss den anmaßenden türkischen Forderungen deutlich entgegentreten.

Die Dresdner CDU-Fraktion steht selbstredend zu dem Projekt der Sinfoniker und somit auch für Meinungs- und Kunstfreiheit als wichtige kulturelle Errungenschaft Europas."

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Anmerkung:

Aghet ist ein armenischer Begriff (ähnlich, wie es ‚Shoa‘ im Hebräischen ist) für das Massaker bzw. den Völkermord an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl dabei unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches – je nach Quellenlage – bis zu 1,5 Millionen Menschen ums Leben kamen, wehrt sich die Türkei seit jeher gegen die Einstufung dieser Massaker als Völkermord; eine historische und schuldbewusste Aufarbeitung hat dort nie stattgefunden.

Ankara spricht dagegen von 5oo.ooo getöteten Armeniern und ebenso vielen Toten auf Seite der Türken im Rahmen von bürgerkriegsartigen Kämpfen und Hungersnöten.