Du holde Kunst ...
Die Entscheidung zum „Trichter“ am Seetor
Nein, lieber Leser, die holde Kunst ist nicht mein
Metier in unserer Fraktion. Und nein, es geht auch nicht um
meinen Wahlkreis. Und nochmals nein, ich glaube auch nicht,
eine gültige Antwort zum Wettbewerbsergebnis Seetor zu
haben. Kunstrezeption ist immer subjektiv. Aber eine
subjektive Meinung hab’ ich schon.

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Verfasser
Stadtrat Dr. Georg
Böhme-Korn, finanzpolitischer Sprecher |
 Nun hat der Stadtrat noch einmal entschieden
– mit linker Mehrheit, leider auch mit der Bürgerfraktion,
gegen CDU und FDP: Das Kunstwerk „Trichter“ wird gebaut. Es
war aus einem Wettbewerb zur Erinnerung an das Dresdner
Seetor als Sieger hervorgegangen – aus über 500 Arbeiten.
Man betrachtet es mit Staunen, und der Visionär fühlt schon
mal vor: Aus flimmernder Hitze eines Sommertags, aus
schreiender Verlockung eines Einkaufszentrums, aus
hastendem Getriebe einer großen Stadt wird der Neugierige
in eine andre, kühle, ernste Welt geleitet. Wird er aber
dort, Auge in Auge mit der Dresdner Unterwelt, dies
wirklich als Kunstwerk rezipieren und mit dem guten Franz
von Schober fühlen: „Du holde Kunst, in wie viel grauen
Stunden, Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt, Hast du
mein Herz zu warmer Lieb entzunden, Hast mich in eine
bessre Welt entrückt“? Das scheint eher ungewiss. Und – die
Kunst will alle Sinne reizen, bezieht bewusst das muntere
Plätschern des Kanals mit ein – wird der Lauscher wirklich
tief empfinden: „Oft hat ein Seufzer, deiner Harf‘
entflossen, Ein süßer, heiliger Akkord von dir Den Himmel
bessrer Zeiten mir erschlossen, Du holde Kunst, ich danke
dir dafür“? Wer weiß. Und ob die Künstlerin neben Aug‘ und
Ohr die Nase auch bedacht, bleibt völlig ungeklärt.
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| Kunstwerk „Trichter“ |
Der Visionär ist also skeptisch und weiß nicht, was soll
es bedeuten. Gut, dass „Artnet“ aufklären kann: „Eine
Arbeit, .. die die verschütteten Funktionsstrukturen und
Kausalitäten innerhalb des städtebaulichen
Erscheinungsbildes wieder an das Licht der Öffentlichkeit
holt. Eine Funktion des ehemaligen Seetors bestand unter
anderem darin, mögliche Feinde abzuwehren. Das örtliche
Kanalsystem, das im 19. Jahrhundert in Dresden äußerst
fortschrittlich gebaut wurde, diente der Abwehr von
Krankheiten und Epidemien durch verseuchtes Wasser.
Hörnschemeyer richtet die Aufmerksamkeit auf eben dieses
Kanalsystem, das sie durch zwei unterirdische Kammern
sowohl optisch als auch akustisch darstellt. … Raum wird
anschaulich als Funktionszusammenhang und soziale
Konstruktion.“ Heureka! Schon schickt man sich an, den Hut
zu ziehen vor dem Faszinosum solch verwegener Allegorie, da
meldet sich die Ratio schüchtern: Der Feinde Wehr, nicht
eigentlich Zweck der Stadtmauern als solche? Das Tor jedoch
– steht es nicht für Öffnung, unbekannte Dimensionen,
Möglichkeiten? Der müde Fremde erblickt von fern das Tor
und hofft auf Sicher- und Geborgenheit, auf einen guten
Schluck des goldenen Elbtalweins, ein warmes Nachtlager,
vielleicht auf gute Arbeit und ein holdes Mägdelein. Dem
Dresdner Jüngling voller Tatendrang hingegen ist’s das Tor
zur Welt, zum Abenteuer blauer Fernen, vielleicht sogar zum
großen Glück. Wäre das nicht ein Ansatzpunkt für mehr als
eine Huldigung den tapferen Jungs der Stadtentwässerung?
Übrigens: Der guten Mutter Erde ein Stück näher – der Weg
in geheimnisvolle Tiefen scheint heute für Kunstwerke
modern zu werden. Leipzig hat seit zehn Jahren ein Denkmal
für den ehemaligen Oberbürgermeister Goerdeler. Aus der
Ferne nur ein großes, rundes Loch. Näher gekommen, erkennt
der Überraschte: Eine Glocke mahnt aus dunkler Tiefe, und
Zitate Goerdelers umkränzen diesen Schlund. Ich finde das
nicht schlecht. Ein weithin sichtbares, selbstbewusstes
Künden von einem Mann, dessen zu gedenken
Herzensangelegenheit der Bürgerschaft, ist es aber nicht.
Und ganz prosaisch: Die Sauberkeit ist auch dort ein
größeres Problem. Weiter wissen wir: Selbst die
Waldschlösschenbrücke wollten Kunstbegeisterte ja nach
unten bauen. Und sicher ist’s nur eine Frage der Zeit, bis
die Idee Raum greift in unserer Kunststadt Dresden, das
neue Technische Rathaus einfach zu versenken – um eine
Dresdens würdige Architektur müsste man dann nicht mehr
streiten. - Aber ich schweife ab, zurück zum Kern der
Sache.
Es geht mir nicht um gute oder schlechte Kunst. Bewegt Sie
dieses Zeichen: ?
Wohl kaum. Ein Tipp: chinesisch heißt das „Ehefrau“. Für
die meisten immer noch kein Grund, sich zu erregen. Weiß
man jedoch: Es symbolisiert eine Frau mit einem Besen in
der Hand, wird’s spannender: Frauenrechtlerinnen können
sich ereifern, und Männer können rätseln, ob fleißige
Hausfrau oder Xantippe oder beides Pate stand – kurz, ein
breiter Raum für Diskussionen um Grundfragen menschlichen
Zusammenlebens öffnet sich. So auch in der Kunst – dem
Unkundigen fehlt oft der Hintergrund für Assoziationen, die
den Eingeweihten tief ergreifen. Gültige Urteile fällt wohl
nur die Zeit.
Mich persönlich allerdings überzeugt der Siegerentwurf
nicht. Das hat nichts, wie manchmal behauptet, mit
Dresden-typischer Ablehnung neuerer Kunst zu tun. Ob
Hermann Glöckners „Mast mit zwei Faltungszonen“ an der TU,
ob Wolf-Eike Kuntsches „Völkerfreundschaft“ auf der Prager
Straße, ob Wieland Försters „Großer trauernder Mann“ vor
dem Zwinger (leider noch am falschen Ort), sie alle gehören
fest zu Dresden. Auch Kunst im öffentlichen Raum aus
jüngster Zeit (Beispiel: die Kunst am Kaitzbach) hat ihren
Platz gefunden. Doch der „Trichter“? Ein Blick in die
Unterwelt – warum nicht. Aber eher Erlebnispädagogik als
Faszination oder Provokation der Kunst. Und mit dem Seetor
hat das nichts zu tun. Ein Kunstwerk für Alle zur
Erinnerung an unser Dresdner Seetor sollte schon mit Kopf
und Herz und Hand dem genius loci etwas näher kommen.
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| Kunstwerk „Trichter“ |
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